Shopware 6: Der ehrliche Überblick, den du vor dem Start brauchst

• von Tobias Schäfer • 7 min read

Letzte Woche saß ein potenzieller Kunde vor mir und fragte:

Ich will einen Online-Shop starten. Alle reden von Shopware 6. Ist das das Richtige für mich?

Meine Antwort überraschte ihn: „Kommt drauf an. Was genau willst du verkaufen, und wie viel Zeit und Budget hast du?”

Nach über 10 Jahren Shopware-Entwicklung weiß ich: Shopware 6 ist fantastisch – für die richtigen Projekte. Aber es ist nicht für jeden die beste Wahl.

In diesem Artikel verrate ich dir, wann Shopware 6 passt, wann nicht, und was du wirklich wissen musst, bevor du anfängst.


Das Problem mit den meisten „Shopware 6 Einführungen”

Die meisten Artikel über Shopware 6 klingen wie Verkaufsbroschüren. Alles ist toll, alles ist einfach, alles ist perfekt.

Die Realität? Shopware 6 ist ein professionelles E-Commerce-System mit erheblicher Komplexität. Es ist Made in Germany, DSGVO-konform out of the box, und für mittelständische Unternehmen oft die beste Wahl.

Aber „beste Wahl” heißt nicht „einfachste Wahl”.


Was ist Shopware 6 eigentlich?

Stell dir Shopware 6 wie ein Baukastensystem für professionelle Online-Shops vor – aber nicht wie LEGO Duplo, eher wie LEGO Technic. Du kannst damit fast alles bauen, aber du musst wissen, was du tust (oder jemanden haben, der es weiß).

Im Kern ist Shopware 6 eine deutsche E-Commerce-Plattform, die 2019 komplett neu geschrieben wurde. Es ist kein aufgeblähtes System aus den 2000ern, das immer weiter gepatcht wurde – es wurde von Grund auf für moderne Anforderungen entwickelt.

Zukunftssicher gebaut

Shopware 6 ist „API-first”. Dein Shop kann sich mit praktisch jedem anderen System verbinden – Warenwirtschaft, CRM, PIM, Marketing-Tools.

Letztes Jahr hat ein Kunde seinen Shopware-Shop mit seinem bestehenden JTL-Warenwirtschaftssystem verbunden. Vorher hat er Bestellungen manuell übertragen – drei Stunden am Tag. Nach der Anbindung: null. Das ist die Stärke von API-first. Du merkst es nicht am Anfang, aber du bist dankbar dafür, wenn du wächst.

Deutscher Rechtsrahmen ab Werk

DSGVO, Widerrufsrecht, Preisangabenverordnung – Shopware kennt die deutschen Spielregeln. Das klingt langweilig, aber frag mal jemanden, der einen Shopify-Shop nachträglich rechtssicher machen musste.

Einer meiner Kunden kam mit einem Shopify-Shop zu mir, der drei Abmahnungen kassiert hatte. Allein die Umstellung auf Shopware 6 hat ihn weniger gekostet als die Anwaltsrechnungen.

Rule Builder und Flow Builder

Das sind die zwei Features, die meine Kunden am meisten überraschen. Komplexe Preisregeln, Rabattaktionen, automatisierte Workflows – ohne eine Zeile Code.

„Wenn Warenkorb über 200 € und Kunde aus Stammkundengruppe, dann 10 % Rabatt plus kostenloser Versand” – das baust du in 5 Minuten zusammen.

Das Wichtigste: Shopware 6 gibt dir die Kontrolle zurück. Dein Shop gehört dir – mit allem, was dazugehört. Auch mit der Verantwortung.


Shopware 6 vs. die Alternativen

Shopify

Gut für: Schneller Start, wenig technisches Know-how nötig Schlecht für: Deutsche Rechtssicherheit, vollständige Kontrolle

Wenn du ein Print-on-Demand-Geschäft startest und in 2 Wochen online sein willst – nimm Shopify. Wenn du langfristig wachsen und alles selbst kontrollieren willst – nicht.

WooCommerce

Gut für: Kleine Shops mit wenigen Produkten, wenn du WordPress schon kennst Schlecht für: Skalierung, komplexe Produktstrukturen, deutsche Rechtskonformität

WooCommerce funktioniert für einen kleinen Shop mit 50 Produkten und überschaubarem Traffic. Aber sobald du über 500 Produkte kommst, mehrere Zahlungsanbieter brauchst oder komplexere Rabattlogik willst, stößt du an Grenzen.

Und die deutsche Rechtssicherheit? Die bekommst du nur mit zusätzlichen Plugins wie Germanized – ein weiterer Baustein, der gepflegt und aktualisiert werden muss.

Magento (Adobe Commerce)

Gut für: Große Unternehmen mit sechsstelligem Budget und eigenem Entwicklerteam Schlecht für: Mittelständler, die ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis suchen

Magento ist technisch beeindruckend und kann fast alles. Aber die Kosten sind in einer anderen Liga: Hosting allein kostet ein Vielfaches, die Entwicklungszeiten sind länger, und du brauchst spezialisierte Entwickler, die nicht günstig sind.

Für die meisten deutschen Mittelständler ist das wie mit Kanonen auf Spatzen schießen. Wenn du allerdings 100.000+ Produkte hast und internationalen B2B-Commerce machst – dann kann Magento die richtige Wahl sein.


Was Shopware 6 wirklich kostet

Hier ist die Rechnung, die dir die meisten Agenturen nicht zeigen.

Die Lizenz

Shopware 6 gibt es in einer kostenlosen Community-Edition (Open Source) und in kostenpflichtigen Editionen (Rise, Evolve, Beyond) mit erweiterten Features. Für viele kleinere Shops reicht die Community-Edition völlig aus.

Wenn du Features wie erweiterte B2B-Funktionen, Custom Products oder den AI Copilot brauchst, beginnen die kommerziellen Lizenzen bei mehreren hundert Euro monatlich.

Die eigentlichen Kosten: Das Projekt

ProjekttypWas du bekommstInvestition
Kleiner ShopStandardtemplate, unter 200 Produkte, wenig Anpassungen5.000–15.000 €
Mittelgroßer ShopIndividuelles Design, Schnittstellen, komplexe Logik15.000–50.000 €
EnterpriseMultimarket, B2B, komplexe Integrationenab 50.000 €

Ja, das ist viel Geld. Aber vergleich das mal mit einem physischen Ladenlokal – Miete, Einrichtung, Personal. Ein Online-Shop ist eine Investition, kein Schnäppchen.

Ein reales Beispiel

Letztes Jahr habe ich einen mittelgroßen Fashion-Shop umgesetzt. Das ursprüngliche Budget des Kunden: 15.000 €. Die Endabrechnung:

PostenKosten
Individuelles Theme-Design8.000 €
ERP-Anbindung (JTL)5.000 €
Payment-Setup (Mollie)1.500 €
SEO & Tracking-Konfiguration2.000 €
Plugins (Versand, Bewertungen, SEO)1.800 €
Gesamt18.300 €

Der Kunde war nicht sauer – aber er hätte gerne vorher gewusst, dass Plugins und Schnittstellen allein fast die Hälfte ausmachen.

Die versteckten laufenden Kosten

Was die meisten vergessen: Ein Shop hört nicht auf zu kosten, wenn er live geht.

Rechne mit mindestens 200–500 € monatlich für Hosting, SSL-Zertifikate, Updates und Sicherheitspatches – bevor du auch nur einen Euro für Marketing ausgibst.

Mein Rat: Budget nicht nur das Projekt, sondern auch die ersten 12 Monate Betrieb. Plane einen Puffer von 20 % ein. In über 10 Jahren habe ich noch kein Projekt erlebt, bei dem nicht irgendwann eine Anforderung dazukam, die anfangs niemand auf dem Schirm hatte.


Wann du einen Entwickler brauchst (und wann nicht)

Die meisten Shop-Betreiber unterschätzen die technische Komplexität. Nicht weil Shopware schlecht ist, sondern weil E-Commerce generell komplex ist.

Die gute Nachricht: Shopware 6 hat sich massiv verbessert, was die Bedienbarkeit angeht. Motivierte Shop-Betreiber können mehr selbst machen, als die meisten denken.

Das kannst du selbst

  • Produkte anlegen und verwalten – Das Backend ist intuitiv, auch für Nicht-Techniker
  • Preisregeln und Rabatte – Der Rule Builder ist mächtig und visuell bedienbar
  • Automatisierungen – Flow Builder für „Wenn X passiert, mache Y”-Logik
  • Inhaltsseiten gestalten – Shopping Experiences funktionieren wie ein Page Builder
  • Tagesgeschäft – Bestellungen, Kunden, Lagerbestand – alles problemlos

Dafür brauchst du einen Entwickler

  • Individuelles Design – Sobald das Standardtheme nicht reicht: Twig-Templates und CSS
  • Schnittstellen – ERP (SAP, JTL, sevDesk), PIM-Systeme, individuelle APIs
  • Performance – Caching, Server-Konfiguration, Datenbanktuning bei großen Katalogen
  • Plugin-Entwicklung – Wenn kein passendes Plugin existiert
  • Updates – Major-Updates können Plugins brechen und erfordern Testaufwand

Drei Warnsignale, die ich immer wieder sehe

Regelmäßig kommen Shop-Betreiber zu mir, nachdem sie an einem dieser Punkte gescheitert sind:

1. Design-Frustration „Der Shop sieht aus wie jeder andere.” An den Templates traut sich keiner ran – und ein Rebranding auf Basis des Standardthemes fühlt sich an wie Renovieren in einer Mietwohnung.

2. Integrations-Chaos Die Zahlungsanbieter machen Ärger, der Versanddienstleister synchronisiert nicht, und die Warenwirtschaft zeigt andere Zahlen als der Shop. Ein Kunde hat drei Monate mit kaputten Mollie-Webhooks gelebt, bevor er sich Hilfe geholt hat.

3. Update-Angst Der Shop wird langsam. Es gibt ein wichtiges Sicherheitsupdate. Aber das letzte Update hat zwei Plugins zerschossen – also traut sich niemand mehr, etwas zu ändern.

Mein Tipp: Starte selbst, so weit du kommst. Lerne das System kennen. Aber plane von Anfang an Budget für einen Entwickler ein – die Frage ist nicht ob, sondern wann.


Die Entscheidungshilfe

Statt einer langen Checkliste – beantworte diese drei Fragen:

1. Hast du mindestens 5.000–10.000 € Startbudget und kannst 200–500 €/Monat für den Betrieb einplanen? Wenn nein → Shopify oder WooCommerce sind ehrlicher für dein Budget.

2. Brauchst du deutsche Rechtssicherheit und willst du langfristig wachsen? Wenn ja → Shopware 6 ist wahrscheinlich deine beste Option.

3. Hast du Zugang zu einem Entwickler oder einer Agentur (oder planst das ein)? Wenn nein → Du wirst irgendwann technische Hilfe brauchen. Ohne Plan dafür wird es frustrierend.

Wenn du alle drei mit „Ja” beantworten kannst, ist Shopware 6 mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtige Plattform für dich.


Und jetzt?

Erinnerst du dich an den Kunden vom Anfang? Der, der wissen wollte, ob Shopware 6 das Richtige für ihn ist?

Er verkauft heute Outdoor-Ausrüstung mit einem Shopware-6-Shop. Nicht weil ich ihm Shopware verkauft habe – sondern weil er nach diesem Gespräch selbst entscheiden konnte, dass es passt.

Genau das will ich mit diesem Artikel auch für dich erreichen.

In kommenden Artikeln zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du mit Shopware 6 startest. Wenn du nicht sicher bist, ob es zu deinem Projekt passt – schreib mir. Ich sage dir ehrlich, was ich denke. Auch wenn das bedeutet, dass ich dir eine andere Plattform empfehle.